Highway to Hell
- 3. März 2015
- 4 Min. Lesezeit
Ich ahnte nicht, was mich erwarten sollte als mir Carmen am Samstag morgen mitteilte, dass wir am Vormittag nach Santo Andre fahren müssten, um eine Ummeldung unseres Autos durchzuführen. Santo Andre liegt ca. 25 Kilometer süd-östlich von unserer Wohnung, direkt an der Grenze zu Sao Paulo Stadt. Da wir einen Termin um 9.30h hatten, fuhren wir schon um 8.30h los…
Wie jeder Paulistaner nutzen wir inzwischen die Handy-App „Waze“ um uns in der Stadt zurechtzufinden… funktioniert ganz gut, insb. für Stauumfahrungen (wobei, wenn überall Stau ist, ist es auch egal). Die App zeigte uns eine Fahrzeit von ca. 35 Minuten an, da der Verkehr stadtauswärts am Wochenende sehr gut ist – viele Paulistas fahren freitags in ihre Standhäuser oder ins Landesinnere. Problematisch wird’s dann nur wenn man unterwegs das GPS-Signal verliert und dann bei der Routen-Neuberechnung falsch geleitet wird…
…dies passierte uns nach ca. 15 Minuten erfolgreicher Fahrt…und plötzlich standen wir in einem eher mittelmäßigen Viertel (was wir hier noch überhaupt nicht einschätzen können). (Anmerkung: Man kann sich das aber wie die Gegensätze in den Mannheimer Quadraten vorstellen; ein heruntergekommener, unrenovierter Wohnblock aus den 70ern im Quadrat G6 und nebendran in G5 wunderschöne, gut erhaltene Altbauten aus der Gründerzeit. Sao Paulo ist ähnlich, sehr moderne Wohnanlagen neben heruntergekommenen ärmeren Gegenden (Favelas)… die Kontraste sind etwas extremer, aber sonst wie Mannheim :- )). Anbei auch ein paar Impressionen…



Es wurde uns nicht besser zu Mute als wir immer weiter kleine, mit Löchern versehene Straßen passierten ohne auch nur Anzeichen von Verkehrsschildern oder Ähnlichem zu entdecken. Just in diesem Moment meldete sich unser GPS glücklicherweise wieder zu Wort und konnte uns auf die nächste größere Straße leiten – nur fuhren wir nun in die entgegengesetzte Richtung stadteinwärts: das GPS gab uns an in ca. einem Kilometer zu wenden und dann wieder Richtung Südosten zu fahren. Und das scheint Sao Paulo zu sein: Man biegt einmal falsch ab und steht erstmal 30 Minuten im Stau… denn genau die Zeit brauchten wir um wieder auf unseren Weg zu kommen.
Inzwischen war es schon 9.30h… und wir hatten noch mind. 10 Kilometer vor uns. Da es aber von nun an nur noch größere Straßen zu passieren gab, schafften wir es immerhin um 10h in Santo Andre zu sein… Gott sei Dank stört hier niemanden, wenn man eine halbe Stunde später zum Termin erscheint. „Tudo bem“ meinte der Versicherungs-Mensch nur…
Doch es folgte die nächste Aufgabe: der freundliche Herr gab uns zu verstehen, dass wir nun zu einer Werkstatt fahren müssten, um das Auto durchchecken zu lassen. Erst dann könnten wir die Ummeldung durchführen. Er gab uns die Adresse der Werkstatt die ca. 5 Kilometer weiter war; nach der Hälfte des Weges verabschiedete sich leider unser GPS („Handy-Akku leer“) just in dem Moment als wir links abbiegen sollten, aber nicht konnten wg. einer Baustelle. … ich erspare euch die weiteren Details. Wir sind schlussendlich angekommen, aber die Adresse existiert inzwischen nicht mehr, sondern die Werkstatt befand sich ca. 200 Meter weiter (was wir erst nach zweimaligem Nachfragen an einer Tankstelle und einigen Extrarunden gemerkt haben).
Also ab in die Werkstatt, Inspektion durchführen lassen, wieder zurück zur Ummeldestelle...Inzwischen war es 11.30h und wir waren etwas erschlagen von der Fahrt… es wurde nicht besser als der Herr hinter dem Tresen meinte es fehle noch ein wichtiges Dokument, um die Ummeldung zu finalisieren. Von diesem Dokument war noch nie die Rede gewesen, obwohl wir von einem Kollegen eben dieses Herrn sowohl telefonisch als auch per Mail alle vorbereitenden Schritte genannt bekommen hatten.
Hier ändern sich Vorschriften oder Gesetze so rapide (auch rückwirkend), dass viele nicht richtig nachkommen und es immer ein Abenteuer ist, ein Thema 100% transparent zu verstehen. Es scheint zwar Prozesse zu geben, aber jede handelnde Person versteht immer nur was kurz vor bzw. nach seiner Aktivität geschehen ist bzw. wird. Das Schöne ist aber, dass irgendwie alles trotzdem funktioniert und alle hilfsbereit und gut drauf sind… Als wir den Herren verzweifelt und mitleidend erregend genug aus der Wäsche schauten meinte er irgendwann „Tranquilo“ und auf einmal ging das Ganze doch. So konnten wir schlussendlich die Ummeldung durchführen, obwohl wir ein wichtiges Dokument nicht besaßen… „Sempre tem um jeito“ – so eine gewisse Flexibilität in administrativen Prozessen kann auch seine guten Seiten haben.
Wir hatten bis hierhin noch nicht realisiert, dass wir nun ja ohne GPS-App nach Hause finden mussten…hier fing eigentlich die richtige Irrfahrt erst an. Wir sind zwar immer den Schildern „Sao Paulo Centro“ gefolgt (scheinbar nicht); waren aber nach 40 Minuten wieder in der Nähe von Santo Andre. Nach einem weiteren Versuch kamen wir immerhin in die Nähe eines Stadtteils, der uns bekannt vorkam, und von dort haben wir uns „trial and error“ vorgearbeitet. Ich könnte noch ein paar Highlights von der Rückfahrt erzählen, aber das würde langsam den Rahmen sprengen – da wir die ganze Zeit etwas angespannt waren, haben wir leider ganz versäumt Bilder zu machen und müssen daher aufs Internet zurückgreifen, um euch den Verkehr und die Straßen von hier etwas näherzubringen.
Wir werden den Tag unter „Lebenserfahrung“ abspeichern… im Nachhinein lustig und auf jeden Fall eine gute Blog-Geschichte!



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