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Der „brasilianische Jeitinho“

  • 10. Okt. 2015
  • 3 Min. Lesezeit

Obwohl in Brasilien nicht alles so geordnet bzw. transparent abläuft wie in Deutschland, funktioniert vieles doch sehr gut…woran liegt das eigentlich?

Eine Antwort ist auf jeden Fall der brasilianische Jeito oder Jeitinho, der hier Teil der Kultur ist und dem man tagtäglich bei der Arbeit und im Alltag begegnet. Der Jeito ist ein „kreativer Ausweg/ kleiner Trick“ aus einer komplizierten Situation – meistens geht es drum ein persönliches Problem zu lösen, auch vorbei an bürokratischen Vorschriften. Er bewegt sich immer zwischen persönlichem Gefallen und Korruption.

Meistens versucht man mit dem Gegenüber (z.B. in einem Amt, Polizei, Kollegen) eine persönliche Ebene aufzubauen (Fußball, Familie, Kinder, Wetter, Herkunft…), um dann die Personen emotional in das Problem zu involvieren (um es auch ein wenig zum Problem des Gegenüber zu machen). Dadurch entsteht ein Gefühl von Verbundenheit, dass man noch durch Schulterklopfen, Komplimenten oder informellen Ansprachen (mein Bruder, mein Kollege, Freund) noch verstärken kann – das Problem wird dann so nebenbei gelöst. Meistens profitieren beide Personen vom Jeitinho…der eine weil sein Problem gelöst ist und der andere weil er ein gutes Gefühl hat einem „Freund“ geholfen zu haben bzw. weil er vielleicht auch ein wenig erhalten hat: Verlierer ist dann die Gesellschaft als Ganzes bzw. der Staat… aber da sowieso kein Brasilianer seiner Regierung und teilweise seinen Mitmenschen traut, können die meisten damit gut leben (frei nach Ulrich Wickert „Der Ehrliche ist der Dumm“). Solange kein striktes Verbot existiert, ist alles erlaubt…und wenn es doch Verbote gibt, existieren vielleicht Jeitos um dieses zu umgehen.

Es gibt sogar einen eigens geschaffenen Beruf für Personen die gegen Geld jeitos anwenden, die sogenannten Despantaches. Diese Leute spezialisieren sich meistens auf ein Amt, z.B. Arbeitsamt oder Zoll – und kennen nach kurzer Zeit viele Personen und die internen Prozesse. Dadurch haben sie einen sehr viel besseren Einblick und Zugang zu Papieren, Dokumenten die man z.B. als Expat benötigt. Gegen einen Preis von ca. 50 Euro erhält man dann sehr viel schneller seine Aufenthaltserlaubnis, muss nicht lange in der Schlange stehen und hat sich erspart vom Schalter 99 zu 20 wieder zu 3 zu laufen (denn die Prozesse sind von außen nicht sehr transparent; selbst für Brasilianer)…das hat uns einiges an Zeit und Ärger am Anfang erspart.

Auch im Alltag merken wir, dass es wirklich extrem hilfreich ist herzlich, freundlich und immer wieder auch etwas flexibel zu sein – dann funktionieren viele Sachen sehr viel einfacher; insb. auch weil es dem Brasilianer sehr schwer fällt „nein“ zu sagen (was natürlich auch immer wieder zu Missverständnissen und Enttäuschungen führen kann). Mit Drohungen oder Druck kommt man nur in Ausnahmesituationen weiter – zumindest ist das unsere bisherige Erfahrungen (und wir machen immer wieder gerne ein paar Tests :- ))… Hilfreich sind auch kleine Aufmerksamkeiten wie Schokolade, Kuchen oder einfach Komplimente; das öffnet Türen und Tore! Selbst das 7:1 kann in manchen Situationen ein „schöner Opener“ sein.

Dank des Jeitinhos konnte ich letzte Woche auch mein neues Fahrrad durch den Zoll am Flughafen bringen, obwohl in einigen Fällen Versteuerungen von 50% vorgenommen werden. Es waren 20 Minuten Diskussion, insb. über das kalte Wetter in Deutschland, die Sonne in Rio und Fahrradrennen in Brasilien… und dann konnte ich „so nebenbei“ durch den Zoll.

Aber warum gibt es nun eigentlich den Jeitinho?

Carl D. Goerdeler von brandeins beantwortet dies wie folgt „Der Brasilianer ist ein pessimistischer Optimist. Man sagt: O jeito de ser brasileiro – der Trick, ein Brasilianer zu sein. Doch der Optimismus der Brasilianer sieht anders aus als etwa der der Amerikaner. Denn im Grunde glaubt kein Brasilianer an die Machbarkeit der Welt, er glaubt nur daran, sich erst mal vor dem Unheil zu retten. Das reicht vorläufig. Wer weiß schon, was morgen kommt? Das ist keine Lebensphilosophie eines jungen Volkes – darin steckt die Erfahrung von Niederlagen. Der Jeitinho Brasileiro ist purer Existenzialismus, er folgt der Erkenntnis, dass man am Lauf der Welt nichts ändern kann. Was bleibt, ist die Suche nach einer provisorischen Lösung. Die Nische seiner Existenz ist der Jeito, der Trick, in ihr fühlt sich der Brasilianer zu Hause.

Es ist die Gerissenheit der Sklaven, die den Brasilianern im Gedächtnis geblieben ist. Ein Aufstand gegen den Zustand der Welt führt zu nichts. Doch der kleine Widerstand, die Schlauheit, Gebote und Befehle zu unterlaufen, die Partisanentaktik des Alltags – sie öffnen dem einfachen Mann Freiräume, die er durch Aufbegehren nicht bekommt. Der Jeitinho ist die Schmiere, die Brasilien vor dem sozialen Kolbenfresser bewahrt.“

Wir hatten anfangs viel vom Jeitinho gehört und haben inzwischen tagtäglich mit ihm zu tun – für einen selbst ist es wirklich ein nützliches Mittel, um das Leben angenehmer zu gestalten und vieles möglich zu machen… aber de facto ist es aus der Gesamtperspektive Brasiliens schädlich und ein wichtiges Element der vielen Korruption, Ungerechtigkeit und Intransparenz in diesem Land. Da der Jeitinho aber Teil des Brasilianers ist, wird das Land wohl erstmal damit weiterleben müssen…


 
 
 

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